Wie Neues Lager – Neues Lager wurde

17.04.2011 2 Kommentare von

Wohl jeder, der in Richtung Jüterbog von Altes Lager kommend fährt, hat sich bestimmt schon einmal diese Fragen gestellt: Was steht eigentlich hinter der langen weißen Mauer? Was sind das für große graue Gebäude, die über der Mauer zu sehen sind? Bekannt für viele sind bestimmt noch die ehemaligen Magazine zum Einkauf.

In der Rubrik „Zeitgeschichte“ im Beitrag  „Wie Altes Lager-Altes Lager wurde“ konnte man die Zeitgeschichte von Altes Lager lesen. Heute möchte ich die Zeitgeschichte von Neues Lager in Wort und Bild darstellen und ein wenig Licht in den ehemaligen Komplex bringen, der über 103  Jahre vom Militär geprägt war.

Kaiserzeit
Mit der Erkenntnis aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71,  dass der Sieg ausschließlich auf die überlegene Waffentechnik und die Organisation des Nachschubs durch die Eisenbahn zurück zu führen war, ergaben sich für den preußischen Fiskus viele neue Maßnahmen. Mit dem Kabinettbeschluss vom 25.03.1889 ergab sich daraus die große 2. Erweiterung des Schießplatzes um Jüterbog. Zur Unterbringung der zahlreichen Bauarbeiter und militärischen Baubrigaden entstand ein neues großes Barackenlager überwiegend aus Wellblech. Aus der Benennung 2. Barackenlager wurde Neues Barackenlager und ab 1897 die Bezeichnung „Neues Lager“. Mit dem Umzug der Artillerieschule aus Berlin 1889/90 nach Jüterbog und Neues Lager erfolgte die Belegung. Im Laufe der Jahre erfolgten erneut große Baumaßnahmen. Es entstanden ziegelrot gemauerte massive Unterkünfte, Schulungs- und Wirtschaftsgebäude, Offizierskasino, Offiziers- und Mannschaftsbad.  Neue und größere Unterbringungen und Wartung für die artilleristischen und infanteristischen Waffen und Technik. Es folgte ein Proviantamt, Bäckerei und Militärküche und das Standortlazarett.
Bis zum Beginn des 1. Weltkrieges 1914 war der Artillerieschießplatz einer der größten und modernsten Anlagen der Welt. Staatsführer aus vielen Ländern kamen und besichtigten voller Lob und Bewunderung die Anlage.
Nach dem Ende des 1. Weltkrieges und in der Zeit der Weimarer Republik wurde Neues Lager weiter militärisch durch die Reichswehr genutzt.

Am 01.10.1919 wurde die getrennte Feld– und Fußartillerie sowie die Minenwerferschule zur „Artillerieschule“ vereinigt. Als erste Gaststätten gab es Zum Kronprinzen, Moskau später Gemütliche Ecke und Zur Kantine.

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Die Umwandlung zum „Gemeinschaftslager Hanns Kerrl“ 1933  -  1939
Mit der Machtergreifung der NSDAP am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler Kanzler des Deutschen Reiches.  Nunmehr wurden alle demokratischen Funktionen ausgelöscht, alle Länder gleichgestellt, alle weiteren Parteien verboten. Ein neues Menschenbild sollte geprägt werden.
Am 08. Juli 1933 wurden auf Anordnung des Preußischen Justizminister Hanns Kerrl die ersten  Gerichtsreferendare zu einem Gemeinschaftsleben im Rahmen der juristischen Staatsprüfung zusammen gezogen. Zur Unterbringung  wurden die vorhandenen Gebäude der Artilleieanlagen in Neues Lager genutzt. Am 10. Juli 1933 zogen schon die ersten 43 Referendare zur Ausbildung ein.

Anliegen und Inhalt der Ausbildung war: Der nationalsozialistische Staat muss bei der Auslese der künftigen Richter und Staatsanwälte erhöhte Anforderungen stellen. Nicht nur eine gute fachwissenschaftliches Wissen sollte dabei vordergründig sein, sondern: der Charakter, das Zusammenleben, der Sport und Ertüchtigung, Kameradschaft und Gesundheit, sollte die Voraussetzung für einen deutschen Mann werden. Jeder Examenskandidat sollte dabei 6 Wochen das Gemeinschaftsleben imReferendarlager durchlaufen und von bestellten Beamten der preußischen Justiz geschult werden.
Am 04. Januar 1934 fand in Anwesenheit führender Persönlichkeiten der Reichswehr, der Lagerleitung, des Bürgermeisters der Stadt Jüterbog, Herrn Porsack, der Spatenstich zum Neubau des Gemeinschaftslager statt. Der Bürgermeister Porsack gab in  seiner Begrüßungsrede seine Freude zum Ausdruck, dass seine Stadt nun außer eine Stadt der Wehrmacht auch eine Heimstätte der deutschen Juristen geworden ist. In kurzer Zeit entstand das neue Verwaltungsgebäude, Mannschaft- und Schulungsgebäude, Sportplatz mit Badeanstalt, großer Appleplatz.
Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges 1939 wurde das Gemeinschaftslager Hanns Kerrl aufgelöst. Rund 20 000 männliche Referendare  absolvierten ihren Pflichtanteil ihrer juristischen Ausbildung.
Mit der Übernahme des Objekts durch die Wehrmacht erfolgte ein neues Soldatenleben in Neues Lager. Das Proviantamt wurde als Heeresproviantamt ausgebaut und die Versorgung aller umliegenden Einheiten gewährleistet. Der Bahnanschluss und die Militärküche wurde vergrößert.

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Die sowjetische Besatzungszeit  1945  -  1992
Mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 08. Mai 1945 und der Besetzung durch die Truppen der Alliierten, übernahmen die sowjetischen Truppen Neues Lager.

Ausgebaut wurde  die große Versorgungseinheit „Ketsch“:  Liegenschaftsverwaltung.
Eingerichtet wurde die” Base”:  Russisches Handelsunternehmen.
Ausgebaut wurden eine Fleischerei und die 141.  Militärküche.

Ausgebildet wurden hier alle Fachkräfte für den gesamten GSSD Bereich.

Untergebracht und angesiedelt war die 27. Raketenbrigade 9 K 72, deren Raketen auch für chemische und nukleare Sprengköpfe ausgelegt waren.

Mit dem Zwei-plus-vier-Vertrag  im Februar 1990 wurde gleichzeitig der stufenweise Abzug der Westgruppen der WGT beschlossen. 1992 wurde die über 103 Jahre geprägte militärische Anlage freigezogen.

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Das Areal im heutigen Zustand
Die  Abrissbagger  reißen die ersten Bauten ab. Keine weitere Nutzung vorgesehen!

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Ich danke für die Zuarbeit : Werner und Helmut Nauck, Manfred Müller, St. Barbara und Zakir Memedov

Auswahl, Zeitgeschichte

Über den/die Autor/in

seit 1968 wohnhaft in Altes Lager. Hobbys: Fotografieren und Schreiben.


2 Kommentare zu “Wie Neues Lager – Neues Lager wurde”

  1. avatar
    Hans Radke says:

    in einigen Jahren wird in Altes Lager und Umgebung kaum noch etwas von der militärischen Vergangenheit der Region zu sehen sein. Um so wichtiger ist es, jetzt noch vorhandene Anlagen zu fotografieren und die Geschichte dieser Anlagen zu erforschen.
    Mit diesem Beitrag über Neues Lager ist es dem Autor sehr gut gelungen. Weiter so!

  2. avatar
    Klaus Pollmann says:

    Zum Thema “Gemeinschaftslager Hanns Kerrl” für Referendare empfehle ich das Buch von Dr. Folker Schmerbach. Der Autor hielt gestern im Kulturquartier in Jüterbog einen interessanten Vortrag. http://bit.ly/oSa6WM